Sehr geehrte Nationalratspräsidentin, liebe Pascale
Ich freue mich sehr, das Präsidialamt an Dich weitergeben zu können. Es ist das erste Mal in der Geschichte unseres 161-jährigen Parlaments, dass eine Nationalratspräsidentin den Sessel einer Nachfolgerin frei macht und sagen kann: „Nehmen Sie Platz, Madame“. Neben dieser Premiere können wir dieses Jahr eine zweite und sogar eine dritte feiern: Du bist nicht nur die jüngste Nationalratspräsidentin seit 1848 - respektive seit 1971 - mit Dir, Bundespräsidentin Doris Leuthard und Ständeratspräsidentin Erika Forster stehen gleich drei Frauen an der Spitze der eidgenössischen Politik.
Es war für mich eine grosse Freude, Dich im letzten Jahr an meiner Seite gehabt zu haben. Und ich denke, wir waren ein gutes Team. Wenn ich es mir recht überlege, so widerspiegelt unsere Zusammenarbeit das Motto deines Präsidialjahres: Brückenschlag zwischen den Generationen, nennst Du es. Gut gewählt. Wir haben einen regen Austausch gepflegt, viele Erlebnisse geteilt und von einander profitieren können, obwohl zwischen uns eine Generation liegt - vielleicht hat es auch gerade deswegen die Chemie so gut gestimmt. Ich hoffe, ich war Dir keine zu strenge „Schulmeisterin“. Vormachen kann man Dir aufgrund Deines frühen Einstiegs in die Politik nichts und ich werde Dir auch keine Ratschläge erteilen. Ich war immer tief beeindruckt, wie souverän Du während meinen Pausen den Rat geleitet hast. Und ich weiss, was du gar nicht magst, nämlich den Lärmpegel und Telefongespräche im Nationalratssaal. Wir werden also das Glöckchen vermutlich auch weiterhin öfters hören.
Frau Bundesrätin (Eveline Widmer-Schlumpf)
Herr Landammann (Roland Brogli)
Sehr geehrte Mitglieder der Aargauer Kantonsregierung und des Großen Rates
Herr Stadtammann (Marcel Guignard)
Sehr geehrte Gemeindevertreterinnen und Gemeinde-vertreter
Sehr geehrte Damen und Herren
Das Schöne am Präsidialjahr ist, dass man zwischen den Sessionswochen auch immer wieder in andere, realere Welten eintauchen kann. Ich weiss nicht, wie viele Kilometer ich im Auto, im Zug und zu Fuss in diesem Jahr unterwegs war – es waren viele. Jeder einzelne hat sich gelohnt. Auf meiner Tour de Suisse habe bewusst erleben können, wie reich die Schweiz ist, wie sie sich aus vielen einzelnen Mosaiksteinen zu einem Gesamtbild zusammensetzt. Dieses Bild zeigt unsere gemeinsame Geschichte, die Geschichte der Schweiz in ihrer großen Vielfalt: Wir sprechen romanisch, italienisch, französisch, deutsch, und ganz viele Dialekte. Wir pflegen und bewahren unterschiedliche Traditionen. Wir feiern andere Feste. Wir können auf hohe, schneebedeckte Gipfel steigen und an Seeufern wandern. Wir haben urbane, hektische Zentren und stille, ländliche Gegenden. In unserem Land gibt es Palmen und Alpenrosen, Reisfelder und Kartoffelacker. Vielfalt ist ein positiver Wert, sie ist geistiges und soziales Kapital und Quelle von Kreativität und gegenseitigem Lernen. Vielfalt bedeutet eine grosse Chance. Wir müssen jedoch Sorge dazu tragen. Wir müssen die Andersartigkeit der Regionen bewusst pflegen statt nur darüber zu reden. Wir müssen den Dialog pflegen, damit wir uns gegenseitig besser kennen lernen. Es verhält sich damit ähnlich wie beim Brückenschlag zwischen den Generationen: Sind Vorurteile erst einmal abgebaut, merken wir, wie anregend, bereichernd solche Kontakte für jeden einzelnen sind.
Liebe Pascale
Ich wünsche Dir ein unvergessliches Präsidialjahr. Ich habe es als Privileg erlebt, es ausüben zu dürfen. Ich weiss, dass Du es nicht magst auf Dein junges Alter reduziert zu werden. Erlaube mir trotzdem ein Wort dazu: Ich finde es grossartig, wie Du Dich schon früh ins Rampenlicht gewagt und Dich am politischen Diskurs beteiligt hast. Dazu braucht es Mut, Ausdauer und eine dicke Haut. Ich hoffe, dass viele Junge – vor allem junge Frauen – Dich zum Vorbild nehmen und mit dem gleichen Selbstverständnis Politik betreiben wie Du es tust. „Pascale bewegt“, heisst es auf Deiner Homepage. Davon bin ich überzeugt.