QUOTENINITIATIVE / Die CVP-Nationalrätin Chiara Simoneschi ist eine vehemente Befürworterin der Initiative «für eine gerechte Vertretung der Frauen in den Bundesbehörden». SVP-Nationalrätin Ursula Haller ist eine ebenso vehemente Gegnerin des Volksbegehrens. Einig sind sich die beiden darin, dass mehr Frauen in die Politik sollten. • INTERVIEW: INGRID HESS UND RUDOLF BURGER Frau Simoneschi, Sie setzen sich für die Einführung von Frauenquoten ein. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie im Parlament sässen, obwohl sie von der Wählerschaft weniger Stimmen erhalten haben als ein männlicher Mitstreiter, der wegen der Frauenquote über die Klinge springen musste? Chiara Simoneschi: Das ist für mich überhaupt kein Problem. Unser Wahlsystem besteht schon jetzt aus verschiedensten Quoten. Im Tessin sind die Wahlkreise so eingeteilt, dass immer zwei bis drei Politiker aus den Tälern im Kantonsparlament sitzen. Dadurch kann ein Kandidat aus diesen Wahlkreisen mit 2000 Stimmen ins Parlament gewählt werden, während ich mindestens 6000 Stimmen benötige, weil ich aus einem Luganeser Wahlkreis stamme. Auch für den Bundesrat bestehen Quoten, was die Parteien oder was die Sprach- und Kulturregion betrifft. Die Geschlechterquote wäre also nur eine weitere Quote, die an die bestehenden anschlösse. Es ist doch nicht demokratisch, wenn ein derart wichtiger Teil der Gesellschaft nicht mitdiskutiert. Das wird auch vom Europarat so gesehen. Frau Haller, Sie sind gegen die Einführung von Quoten. Ihre Partei entsendet 7 Prozent Frauen ins Parlament, was gegenüber 1995 einen Rückschritt darstellt. Wie wollen Sie eine angemessene Vertretung der Frauen in der Politik erreichen? Ursula Haller: Bei der SVP gibt es nicht weniger Frauen, denn es gibt nach wie vor drei SVP-Nationalrätinnen. Aber wir haben Mandate dazugewonnen und deshalb ist der Frauenanteil tatsächlich «Frauen sind keine Minderheit, sondern sogar eine Mehrheit.» ursula Haller zurückgegangen, und zwar auf ein Mass, das ich als unbefriedigend bezeichnen würde. Den Frauenanteil in der Politik erhöhen heisst, zuerst Frauen fördern. Man muss ihnen das Selbstbewusstsein geradezu einhämmern, damit sie sehen, dass sie nicht schlechter sind als die Männer. Man muss zudem Strukturen schaffen, die es nicht nur Frauen, sondern auch Männern erlauben, Familie, Beruf und Politik unter einen Hut zu bringen, ohne dass einer der drei Bereiche Schaden nimmt. Ich möchte aber auch noch darauf hinweisen, dass Frauen keine Minderheit, sondern sogar eine Mehrheit sind. Die bestehenden Quoten sind dazu da, Minderheiten - zum Beispiel die Bevölkerung des Berner Jura - zu schützen. Simoneschi: Bis 1971 hatten die Frauen keine politischen Rechte. Die Tatsache, dass Frauen so lange abseits des öffentlichen Lebens gestanden sind, hat zur Folge, dass in den Köpfen von vielen Frauen und Männern die Politik immer noch Männersache ist. Da die Frauen neben der Familie gleichzeitig immer häufiger auch berufstätig sind, fällt es ihnen zudem schwer, sich auch noch in einer Partei zu engagieren. Umso mehr, als diese nicht gerade familienfreundlich sind - mit all den Sitzungen am Abend. Sie haben auch weniger Zeit, in den Gremien zu sitzen, in denen man Einfluss und Macht bekommt. All dies führt dazu, dass Frauen in der Politik geringere Chancen haben als Männer. Dies belegt auch die kürzlich erschienene Untersuchung des Bundesamts für Statistik. Sind Quoten das geeignete Instrument, um diese Ungleichheit auszugleichen? Simoneschi: Die Quotenregelungen sind der Proporzregel ähnlich. Im Ständerat hatte die harmlose 30-Prozent-Quote für die Wahllisten der Parteien keine Chance. Die mit der Initiative vorgeschlagene Ergebnisquote ist - das ist klar - eine radikale Lösung . . . Haller: . . . Frau gegen Mann . . . Simoneschi: Nein. So kann man das doch nicht sehen. Es ist ganz offensichtlich, dass Frauen - sobald es die Chefsessel betrifft - nicht eingeladen werden, Platz zu nehmen. Haller: Zahlen und Statistiken sind das eine, die Praxis das andere. Versicherungen, Banken, die Wirtschaft und auch die Parteien wollen mittlerweile Frauen in Kaderpositionen. Das jüngste Beispiel ist die Wahl von Mariangela Wallimann als Generalsekretärin der Bundesversammlung anstelle des Ständeratssekretärs Christoph Lanz. Fakt ist doch, Chiara, dass es nicht so einfach ist, wie es klingt. Ich war vor drei Tagen bei der Berufsvereinigung Carrière Féminine. Dort bestätigte man mir, Frauen stünden Türen und Tore offen: Bei gleicher Qualifikation würden Frauen bevorzugt. Tatsache sei aber, dass sich auf zehn Kaderstellen vielleicht zwei Frauen melden. Simoneschi: Dein Beispiel betrifft ein Umfeld, in dem man für die Gleichstellungsfrage besonders sensibilisiert ist. Das ist ein Einzelfall. Als Präsidentin der Tessiner Kommission für Gleichstellung erfahre ich von vielen Frauen, wie Wenn sich etwas ändern soll, müssen mehr Frauen in die Politik. Chiara simoneschi viele Diskriminierungen sie immer noch hinnehmen müssen. Haller: Aber dieses Problem kannst du doch nicht mir einer Quote lösen. Simoneschi: Wenn sich etwas verändern soll, müssen mehr Frauen in die Politik. Die Karrieren in Wirtschaft und Politik sind auf Männer-Biografien zugeschnitten - und nicht auf jene von Frauen mit Kindern. Sobald Kinder da sind, fangen die Probleme an. Mit der Quoteninitiative wären mehr Frauen dort, wo die Entscheide fallen. So könnten wir die Rahmenbedingungen schneller ändern. Haller: Das kann man doch nicht mit der Brechstange erreichen. Der Vorteil der Initiative ist immerhin, dass man jetzt über das Thema spricht. Auch wenn ich gegen die Quote bin, rede ich meinen Parteikollegen ins Gewissen, dass alles Mögliche unternommen werden muss, um die Frauen in Politik und Wirtschaft zu fördern. Die Quote ist da das falsche Instrument. Sie würde die Problematik nicht ent-, sondern verschärfen. Wir können unsere Zukunft nur gemeinsam gestalten . . . Simoneschi: . . . ja, aber gleichberechtigt . . . Frau Simoneschi, sind Sie nicht in der falschen Partei? Bei Grünen und Linken werden Frauen zum Teil besser gewählt als Männer. simoneschi: Nein, aber es stimmt, dass bei diesen Parteien der Mentalitätswandel schon weiter fortgeschritten ist. Wir wollen, dass auch die SVP-, die CVP- und die FDP-Frauen ihre Ideen einbringen können. Die bürgerlichen Parteispitzen müssen einsehen, dass wir hier ein Defizit haben. Es nützt nichts, Frauen nur auf die Listen zu nehmen. Die Parteileitung muss klar signalisieren, dass sie will, dass diese Frauen auch gewählt werden. Noch stärker untervertreten im Parlament sind die 20- bis 30-Jährigen. Bräuchte es für diese Gruppe auch eine Quote? Simoneschi: Warum nicht? Haller: Und dann führen wir noch eine Quote für die Senioren ein. Simoneschi: Das Merkmal Mann/Frau ist doch wichtiger als das Alter. Haller: Die Frauenquote hätte zur Folge, dass man auf der Liste wirklich mehr als 30 Prozent Frauen aufstellen müsste, sonst müsste jede Frau, die sich zur Verfügung stellt, damit rechnen, gewählt zu werden. simoneschi: Tatsache ist, dass viele Parteien ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Sie bemühen sich gar nicht darum, den Frauen die Übernahme von politischen Ämtern zu ermöglichen. Haller: Vergiss doch nicht, dass viele Frauen gar keine Möglichkeit haben, sich in der Politik entsprechend zu engagieren, weil sie Familie haben und einen Mann, der einen anspruchsvollen Beruf hat, der es nicht zulässt, dass er sich als Hausmann zurückstufen lässt. Wir wollen doch nicht, dass diese Frauen ihr Leben nicht der Familie widmen können, weil sie in die Politik gezwungen würden. Simoneschi: Davon kann doch keine Rede sein. Frau Haller, Sie sagen, es brauche keine Quoten, sondern Voraussetzungen, die es Frauen ermöglichen, Familie, Beruf und Politik unter einen Hut zu bringen. Solche Voraussetzungen, zum Beispiel eine Mutterschaftsversicherung, sind aber gerade in Ihrer Partei nicht sehr beliebt - werden Sie sich trotzdem dafür einsetzen? Haller: Ich kann mich auf Bundesebene nicht gut für Blockzeiten und Tagesschulen einsetzen, denn diese Fragen zu lösen, ist den Kantonen und Gemeinden überlassen. In Thun bin ich zuständig für die Schulen. Hier werden solche Themen auf mich zukommen. Es stellt sich dann die Frage der Finanzierbarkeit. Ich bin aber der Meinung, dass man zuerst die Voraussetzungen schaffen muss. Ich bin mir bewusst, dass die SVP in dieser Hinsicht kein Musterbeispiel ist. Trotz parteiübergreifender Koalition von Frauen zugunsten der Mutterschaftsversicherung wurde diese gewaltig verworfen - auch von den Frauen. Bei der Quoteninitiative, die wesentlich schlechter abgestützt ist, wird das nicht anders sein. Warum haben Frauenanliegen in Gesellschaft und Politik zurzeit keinen Rückhalt mehr? Simoneschi: Weil die Frauen nicht dort sind, wo Macht und Einfluss sind. Die Meinungsbildung ist immer noch sehr männlich geprägt. Dasselbe gilt für die Medien. Im Fernsehen gibt es manchmal zu Sachfragen Diskussionsrunden ohne eine einzige Frau, obwohl es in allen Sachfragen auch viele Expertinnen gibt. Gerade jüngere Frauen scheinen sich nicht mehr für die Frauenförderung engagieren zu wollen - oder lehnen sie gar ganz ab. Simoneschi: Die Jungen haben ganz generell ein geringeres Interesse an der Politik. Viele junge Frauen haben gute Ausbildungen. Solange sie nicht auch Mütter sind, erfahren sie die Hürden nicht, die eine Frau zu überwinden hat. Frau Haller, wenn die SVP nicht gezwungen wird, etwas für die Frauen zu tun, werden wohl auch in 20 Jahren nur 7 Prozent ihrer Abgeordneten Frauen sein. Haller: Das glaube ich nicht. Ich will aber nichts beschönigen. In der SVP existiert gegenüber den Frauen noch ein anderes Bild. Es ist kein schlechteres, aber ein anderes Bild. Das gilt es auch zu respektieren. Unsere Frauen fühlen sich deswegen in der SVP nicht schlecht aufgehoben. Dennoch gibt es natürlich noch viel zu tun, das ist klar. Mit Quote wäre ich bereits seit acht Jahren im Nationalrat, aber dann wäre ich eine Quotenfrau, und das will ich nicht sein. -------------------------------------------------------------------------------- Wer sie sind bin. Chiara Simoneschi-Cortesi ist Tessiner CVP-Politikerin und 1999 in den Nationalrat gewählt worden. Als Präsidentin der Eidgenössischen Frauenkommission und der Tessiner Kommission für Gleichstellung setzt sich die 54-jährige Politikerin für die Förderung von Frauen in Politik und Wirtschaft ein. Sie engagiert sich mit Parteikollegin Rosmarie Zapfl im Pro- Komitee für die Quoteninitiative. Die 52-jährige Ursula Haller politisiert seit 1999 für die Berner SVP im Nationalrat. Im Thuner Gemeinderat steht sie dem Amt für Bildung, Sport und Kultur vor. Sie ist Mitglied im Komitee der Gegner(innen) der «Quoteninitiative». Die beiden Politikerinnen kennen sich schon länger, da sie beide 1998/99 Grossratspräsidentinnen waren.